Die Runenschrift, Ludv. F. A. Wimmer (aus dem Dänischen übersetzt von Dr. F. Holthausen)

Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1887.

(pp. 275-288)

 

Das altnorwegische runengedicht und die isländische runenreimerei

(Zu seite 180.)

 

[Note from YK:. Today German ß is written ‘fs’ by Wimmer. æ’ represent the letter æ with an accent over it.

In order to avoid introducing images all over the text, I replaced the letter “o with a small tail” :  by the inexact but easier ö]

 

Das s. 180 erwähnte altnorwegische runengedicht befand sich nach O. Worm in einer alten gesetzhandschrift in der universitätsbibliothek zu Kopenhagen („Danica Literatura antiquissima“ 1636, s. 105; 2. ausg. 1651, s. 95). Diese handschrift, wonach Worm das gedicht herausgab (abgedruckt bei W. Grimm, Über deutsche Runen, s. 246 ff. und mit einer menge höchst willkürlicher berichtigungen im Corpus poëticum Boreale, II, Oxford 1883, s. 369 f.) ging bei dem brande der bibliothek 1728 zu grunde. Die eine (A) von Arne Magnussons hand (wahrscheinlich zwischen 1686-89 genommen) befindet sich in der Kopenhagener universitätsbibliothek; hiernach hat P. A. Munch das gedicht in der „Kortfattet Fremstilling  af den aeldste Nordiske Runeskrift“, Christ. 1848, s. 7f. herausgegeben, aber unglücklicherweise „mit berichtigter orthographie“ und mit einer unrichtigen umstellung an einer einzigen stelle. Die andere abschrift (B), die sich in der kgl. bibliothek zu Stockholm befindet, rührt von Jón Eggertsson her und ist (wahrscheinlich zwischen 160 – 89) unabhängig von der Arne Magnussons genommen. Von diesen Abschriften scheint B genau alle orthographischen eigentümlichkeiten der handschrift bewahrt zu haben, wogegen A zuweilen in kleinigkeiten abweicht (besonders hat sie durchgehends v für u, wo es nicht vokal ist, ausgenommen in uoesta 5a). Auf grundlage der genannten abschriften hat Kr. Kålund eine neue ausgabe des gedichtes geliefert in den „Småstykker, udgiven af samfund til udgivelse af gammel nordisk literatur“, Kbh. 1884, s. 1-16, wozu in den „Småstykker etc.“ Kbh. 1885, s. 100 ff. verschiedene nachträge von S. Bugge, F. Jónsson und Björn Ólsen hinzugefügt sind. Betreffs der metrischen eigentümlichkeiten verweise ich besonders auf Bugges bemerkungen s. 103 5. Verschiedene bemerkungen, die ich später von F. Jónsson erhalten habe, werden im folgenden unter seinem namen angeführt.

 

            Das gedicht, das ohne zweifel dem schlusse des 12. oder dem anfang des 13. jhdts angehört, ist, wie die sprache (die allitteration) zeigt, von einem Norweger verfafst. Es besteht aus zweizeiligen sowohl durch allitteration wie durch endreim verbundenen versen mit 6 silben in jeder zeile, in der regel von folgeden typus:

(vgl. Sievers in Paul und Braunes Beitr. X, s. 527).

Nur vers 15 ermangelt des endreims und gebraucht statt dessen binnenreim. Jede verszeile bildet in der regel einen satz für sich (eine ausnahme macht nur v. 4 und v. 15)

 

            Mit benutzung des genannten materials gebe ich das gedicht mit altnorwegischer orthographie, welche die handschrift zum gröfsten teile bewahrt hat, wieder (vgl. besonders „Gammel norsk Homiliebog“, herausg. von C. R. Unger, Christ. 1864, und E. Sievers, Tübingen 1886). Die runnenamen im anfang jedes verses werden in den handschrift durch die entsprechenden runen bezeichnet: die in klammern beigefügten namen rühren also von mir her.

1.

 (fé) vældr fræ'nda róge;

fóðesk ulfr í skóge.

 

2.

 (úr) er (is) af illu jarne;

opt loypr ræinn á hjarne.

  1. Gut verursacht streit der verwandten; der wolf lebt im walde.
  2. 2. Schlacke kommt von schlechtem eisen; oft läuft das renntier auf hartgefrorenem schnee.

 

 

1a. fræ'nda] frenda A B bezeichnet vielleicht eine mehr geschlossene aussprache des vokals vor nd (vgl. æinendr 12a).

2a. Nach  Jón Ólafssons zeugnisse (angeführt von Kås. 7 f.) wurde úr im südlichen Islands in der bedeutung “schlacken, schmiedabfall” gebraucht; vgl. úrt járn „schlechtes, unreines eisen”, þáttr af Gull Asu-Þórdi (Sex sögu-þœttir, herausgeg. von J. Þorkelsson, Rkvik 1855, s. 77) und die bemerkung zu der isländ. runenreimerei v. 16 b. – er af] metrische auflösung.

 

3.

 (Þurs) ) vældr kvenna kvillu;

kátr værðr fár  af illu

4.

(óss) er flestra færða

för, en skalpr er sværða.

 

5.

 (ræið) kvæða rossom væsta;

Reginn sló sværðet bæzta.

   3. ‚Turs’ verursacht frauenkummer (-krankheit); froh werden wenige vom übel (nur selten macht unglück jemanden froh).

   4.  Flufsmündung ist der meisten reisen weg, aber die scheide ist der der schwerter.

   5. Reiten, sagt man, ist für rosse das schlimmste; Regin schmiedete das beste schwert.

 

3a. kvillu] Weder A noch B haben mehr als der ersten buchstaben von diesem worte, das ja indessen mit sicherheit vermittelst des reimes ergänzt werden kann. Bezüglich der bedeutung vgl. isl. kvilli m. krankheit, übel, kvilla verbum „klagen“ in norwegischen dialekten. Ich nehme hier das wort in derselben bedeutung wie das jetzt gebräuchliche kvilli (= dem gewöhnlichen mein in altnordischen), indem ich in gegensatze zu Bugge Þurs nicht als „riese“ sondern als bezeichnung für den magischen runenstab auffasse  (vgl. die isl. reimerei). Dieser rief gerade, auf ein dünnes brett (‚spjald’) oder ähnlich eingeritzt und z. b. unter das kopfkissen eines weibes gelegt, krankheit hervor; vgl. Skírnismál v. 36: Þurs rist ek þér und Egils saga  c. 75 – b. værdr A, uærda B. Das altnorwegische homilienbuch schreibt gleichfalls værða (aber vera).

 

4a. ...  færða] er læid (unterpungiert) f. f. A,  er leid f. f. B. – b. för ... sværða] en skalper er sværda A, en skalper suærda B. In einer handschriftlichen sammlung von Edda-excerpten etc. von 680 (AM 738 4to), wo auch das runengedicht nach Worm angeführt wird, lautet der vers folgendermafsen :  ós er flestra ferda för enn skalpur er sværda, was ich für das richtige halte, indem för als lange silbe gebraucht ist (vgl. Sievers in Paul und Braunes Beitr. VIII, s. 54 f.). Statt för schlagen B. Ólsen und Bugge færill vor (metrische auflösung).

 

5a. kvæða] metrische auflösung. – rossom] hier und in ero 15b gebraucht die handschrift o in dem endungen, aber sonst u, was ich beibehalten habe (vgl. das altnorweg. homilienbuch). b. Reginn | reghin A B, metrische auflösung. – sló] Bugge; A B haben nur ersten buchstaben, skóp Munch, saud (vgl. Oxforder wörterb. sjóda 2) B. Ólsen.

 

6.

 (kaun) er barna bölvan;

böl gorver mann fölvan

 

7.

 (hagall) er kaldastr korna;

Kristr skóp hæimenn forna

 

8.

 (nauð) gerer næppa koste;

noktan  kælr í froste.

 

9.

 (is) köllum brú bræiða;

blindan  þarf at læiða.

 

 

  1. Geschwür ist der kinder verderben; unglück macht den mann bleich.
  2. Hagel ist das kälteste korn; Christus schuf die uralte welt.
  3. Not macht bedrängte lage; den nackten frierts im froste.
  4. Eis nennen wir die breite brücke; den blinden mufs man führen.

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            6a. …. bölvan] B. Ólsen (vgl. den isländischen runenreim kaun er barna böl); er bæggia barna A B. – b. mann] B. Ólsen (vgl. böl gjorir mik fölvan Landámabók s. 1526); naan A B. Bugge schlägt vor:

kaun er bæggja barna

böl; gorver ná (oder nán) fölvan.

d. i. „geschwür ist unglück für beide kinder ( = kinder beiderlei geschlechts, sowohl knaben wie mädchen); der tote wird bleich“. Diese erklärung von bæggja barna halte ich indessen für unmöglich.

            7a. hagall] metrische auflösung. Dafs der runenname hier hagall nicht hagl ist, zeigt das adjektiv kaldastr. – b. hæimenn forna] vgl. in forna fold Hymiskvida v. 24.

            8a. gerer] metrische auflösung oder gerr gelesen (dagegen wird gorver in 6b gebraucht). Auch das altnorweg. homilienbuch schreibt gewöhnlich gera mit e, nicht mit æ.

            9a. brú | bræ A B. Worm und alle folgenden (Munch, Kålund, Bugge) verbessern in brú und verstehen brú bræda als „die breite brücke“. Diese auffassung kommt mir jedoch zweifelhaft vor; sollte ich der ausdruck hier nicht auf die sage beziehen, die aus der Völsunga saga c. 1 bekannt ist: Breda fönn ..... kalla hverja fönn, er mikil er?

[YK’s note: the citation is : „ ... at þann skafl skyldi kalla Breðafönn heðan af, ok hafa menn nú þat eptir síðan ok kalla svá hverja fönn, er mikil er.“, that is: „… that men should call that snow-drift Bredi's Drift from henceforth; and thereafter folk followed, so that they call in this way every drift that is large enough?”]. Wimmer hints at the possibility that brú bræda might mean : „Bredi's Drift“, i.e. „avalanche“.

 

10.

 (ár) er gumna  góðe;

get  ek at örr var Fróðe

 

11.

 (sól) er landa ljóme;

lúti ek helgum dóme

 

12.

 (Týr) er æinendr ása;

opt værðr smiðr at blása.

 

13.

 (bjarkan) er lavfgrǿnstr líma;

Loki bar flæ’rðar tima.

 

10. (Gutes) jahr ist der männer glück (ein segen für die menschen); ich sage, dafs Frode freigebig war.

11. Sonne ist die lande licht; ich beuge mich vor dem heiligen.

12. Ty ist einhändig unter den asen; oft hat der schmied zu blasen.

  1. Birkenzweig ist das laubgrünste reis; Locke brachte falschheits-glück.

 

10a. gumna] gufna A B, eine schreibweise, die nach Bugge dafür spricht, dafs der schreiber aus dem westlichen Norwegen gewesen ist. – b. get ek] lies getk.

11b. lúti ek] lies lútik. – helgum] die zusammen gezogenen formen dieses wortes werden im altnorweg. homilienbuche regelmäfsig mit æ geschrieben wie hæilagr, u. s. w.

12a. æinendr] = æinhændr (vgl. afrendr u. ähnl. „Fornnordisk forml.“, Lund 1874, sect. 24, C e, anm., s. 33); æ hat vor nd eine mehr geschlossene aussprache bekommen (vgl. die bemerkung zu fræ’na 1a).

13a. bjarkan er] ... an er metrische auflösung oder bjarkan’r gelesen. bjarkan scheint hier in der isl. runenreimerei nach zusammenhange einen „belaubten birkenzweig, birkenreis“ zu bedeuten (verschieden von björk ‚birke’). Das wort ist neutr. in der dritten grammatischen abhandlung in der Snorra Edda (B. Ólsens ausg. s. 47), und es ist kein grund dazu vorhanden, es hier als masc. aufzufassen; das adjectiv richtet sich im geschlecht nach líma (von lími). b. Loki] metrische auflösung. Die handschrift gebraucht hier i in der endung wegen des k (vgl. auki, hauki, mikil v14, reghin 5b, aber roge, skoghe v. 1; auch lúti 11b beruht wohl auf dem folgenden (e)k); sonst ist e in den endungen durchgeführt, mit ausnahme von fialli 15a und gerir 8a, wo ich o eingesetzt habe (das letzere nach analogie von gorver 6b; dafs A hier –ir für B –er schreibt, ist offenbar ein fehler wie dessen loke 13b für B’s loki). Der sinn ist : Loke brachte durch seine falschheit unglück mit sich (timi wie z. b. þokki sowohl in guter wie in übler bedeutung gebraucht).

 

14.

 (maðr) er moldar auki;

mikil er græip á hauki

 

15.

 (lögr) er, er fællr ór fjalle

foss ; en gull ero nosser

 

16.

 (ýr) er vetrgrǿnstr víða;

vant er, er brennr, at svíða.

 

  1. Mann ist vermehrung des staubes; grofs ist die klaue am habicht.
  2. Wasser ist das, wo (wenn) ein wasserfall vom berge stürzt; aber gold sind kleinode.
  3. Eibe ist der wintergrünste baum; es pflegt zu sengen, wo (wenn) es brennt.

 

 

        14. Dieser und der folgende vers sind nicht nur von Worm, sondern auch von Munch umgestellt. –b. mikil] metrische auflösung.

        15a.  gr er (liesgr’r ), er] F. Jónsson, Wimmer; imagelogr  er þar er A B. In übereinstimmung mit Bugge hält Jónsson foss für das subjekt im satze („wasserfall ist das wasser, das vom berge niederstürzt“), wogegen ich auf grund der wortstellung und der analogie mit allen andern versen gr als subjekt fasse: „das ist wasser, wo (oder wenn) ein wasserfall von einem berge herabstürzt“ ; vgl. 16b. - ero] metrische auflösung oder ro (ró) gelesen. – Anstatt der sonst gebrauchen endreime hat dieser vers binnenreim (halbreim in den ersten, ganzreim in der zweiten zeite).

      16b. vant er (lies vant’r), er] Wimmer wie in 15a; vant (uant B) er þar er A B. – Der reim vida ~ svida deutet darauf hin, dafs der vokal im ersten worte auf dem wege war, lang zu werden, was nach Bugge ein beweis dafür sein würde, dafs der verfasser aus dem Westlande war (vgl. die bemerkung zu 10a).

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        In vielen punkten so nahe verwandt mit dem norwegischen runengedicht, dafs die einwirkung desselben unverkennbar ist, aber in andern beziehungen sehr abweichend davon sind einige isländische runenreimereien, die in verschiedenen handschriften in der Arnamgnaeanischen sammlung in der üniversitätsbibliothek zu Kopenhagen aufbewahrt sind, nämlich AM 687 d 4to, pergamenthandschrift aus dem ende des 15 jhdts, AM 461 12 mo , pergamenthandschrift aus dem 16. jhdt, AM 749  4 to , papierhandschrift aus dem 17. jhdt. Zwei in allem wesentlichen übereinstimmende formen dieser reimereien werden aufserdem von  Jón Ólafsson dem älteren aus Grunnavik in seiner hanschriftlichen „Runologia“ (AM 413 fol.; früher Addit. 8 fol.), die nach dem titelblatte ursprünglich 1732 verfafst war, aber 1752 aufs neue vom verfasser abgeschrieben und um einige nachträge vermehrt wurde, mitgeteilt.

AM 687 gibt wie die handschrift des norwegischen runengedichtes die runen durch deren zeichen wieder, läfst aber die namen aus (diese finden sich jedoch anderwärts in der handschrift; siehe unten), wogegen AM 461 die namen, aber nicht die zeichen, hat; beide handschriften bewahren die ursprüngliche reihenfolge der runen. AM 749 hat sowohl die namen wie die zeichen, ordnet aber die runen nach der lateinischen buchstabenfolge und fügt die späteren („punktierten“) runen dazu. Dasselbe ist der fall mit J. Ólafssons erstem texte (s. 130-35), wogegen der zweite (s. 140 f.) der ursprünglichen anordnung (jedoch mit lögr von madr) folgt und nur die 16 alten runen aufnimmt.

 

Beide texte haben sowohl die runenzeichen (der letztere in form von „zweigrunen“ ), wie deren namen.  Eigentümlich für 687 ist, dafs sie nach den umschreibungen für jede rune eine lateinische übersetzung von deren namen und eine nordische fürstenbenennung mit dem anfangsbuchstaben des namens der betreffenden rune hinzufügt. Aufserdem enthält diese handschrift auf den runenreimereien gegenüberstehenden seite (der dritten) ein jedem einzelnen runennamen entsprechendes lateinisches wort mit begründung der anwendung dieses wortes. Diese lateinischen wiedergraben stimmen jedoch nur ausnahmsweise zu der übersetzung, die in der runenreimerei nach den umschreibungen beigefügt wird; aber wir finden hier alle runennamen (mit ausnahme von madr, das weggelassen wird) in der urspünglichen reihenfolge und können sie also hieraus in die reimerei einsetzen.

      Die genannten reimerei, die Kålund zusammen mit dem runengedicht in den „Småstykker“ etc. s. 16-21 (vgl. s. 102 f. und 111-13) veröffentlich hat, gebe ich hier mit gewöhnlicher isländischer orthographie auf grundlage der ältesten aufzeichnung in AM 687 wieder, wo sie die ersten 16 zeilen auf s. 2 einnehmen, so dafs jede rune ihre eigene zeile hat. Die handschrift ist indessen an mehreren stellen sehr undeutlich oder sogar ganz unleserlich und mufs also mit hülfe der übrigen texte ergänzt werden, deren abweichende lesarten im übrigen nur angeführt werden, wo sie einige bedeutung habe. Zugleich teile ich, besonders mit rücksicht auf die runennamen, die eben genannte, bisher nicht herausgegebene, lateinische übersetzung auf s. 3 in 687 mit.

      Jeder vers in der runenreimerei besteht aus 3 kurzen zeilen, die jede für sich eine umschreibung (‚kenning’) des runennamens enthalten. Die beiden ersten zeilen werden durch stabreim untereinander verbunden, wogegen die dritte ihre eigenen stabreime hat.

 

1.

 (fé) er frænda róg   
ok flædar viti   
ok grafseiðs gata.

aurum.  fylkir.

 

 

2.

 (úr) er skýja grátr  
ok skara þverrir
ok hirðis hatr

umbre.  vísi.

 

 

  1. Gut (‘gold’) ist der verwandten streit und des meeres feuer und des „grabfisches“ (der schlange) weg.
  2. Staubregen („wasser“) ist der wolken weinen und der eisränder auflöser und (gegenstand für) des hirten hafs.

 

 

1b. flæðar v.] fyrða gaman („der männer freude“) 461, 749, JOb, Fofnis bani JO a. - c.  grafseids] grafþvengs JO a. – c.  grafseiðs] = grafvitnir, grafþvengr (Lex. poët.).

2b. Abweichend von Bugge fasse ich mit F. Jónsson skara als gen. plur. von skör f., der rand einer eisfläche (vgl. skari m., „crusta glacialis, eisrinde“ Bj. Haldorson). Vgl. die umschreibung isa aldrtregi von der sonne 11c. – Die lateinische übersetzung umbre ist natürlich ein mifsverständnis für imber (imbres).

 

3.

 (þurs) er kvenna kvöl
 ok kletta búi
ok varðrúnar verr.

saturnus.  þengill.

 

4.

 (óss) er aldingautr

ok ásgarðs jöfurr
ok valhallar vísi..

jupiter.  oddviti.

 

5.

 (reið) er sitjandi sæla

ok snúðig ferð

ok jórs erfiði.

iter.  ræsir.

 

6.

 (kaun) er barna böl
ok bardagi
ok holdfúa hús.

flagella.  konungr.

 

 

3. ‚Turs’ ist der weiber qual (plage) und der klippen bewohner und der riesin mann.

4. ‚Os’ („der as“, Odin) ist der alte schöpfer und Asgards könig und Walhalls fürst.

5. Reiten ist behagliches sitzen und hurtige reise und anstrengung des pferdes.

6. Geschwür ist der kinder unglück und züchtigung und das haus (die wohnung) toten fleisches.

 

 

3a. Verstehe ich þurs von dem magischen runenstabe wie im runengedicht, wogegen es b und c in der bedeutung „riese“ gebraucht wird. – b. búi] 749 JO, íbúi 461, unleserlich in 687. – c. varðrúnar v.] 749, JO, síðförull seggr 461; 687 scheint vor „rúnar“, sicher ein l zu haben, aber die vorhergehenden buchstaben sind höchst undeutlich (baul – d. i. böl-?).

4a. aldingautr vgl. Vegtamskv. v. 2 und 13.

5a. sitjandi sæla] eigentlich „sitzender glücklicher zustand“ d. i. die behaglichkeit, die man fühlt, indem man auf dem rücken des pferdes sitzt. – c. jórs] für jós der alten sprache.

6b. bardagi] 687, 461, 749, JO a, nehme ich in der bedeutung „züchtigung,bestrafung“ (es wird vielleicht an solche fälle gedacht wie z. b. Job, der mit beulen geschlagen wurde). Für bardagi hat JO b bardaga för, was Kålund in den text aufgenommen hat (natürlich um eine zweigliedrige umschreibung zu erhalten, was ich jedoch nicht für notwendig halte); dies verstehe ich nicht mit Bugge als „eine stelle, wo sich plage (schmerz) regt“ (also för nom. sing. fem.), sondern als „spuren, male der züchtigung“ (för neutr. plur. nom. sing. von far, spur, mal von etwas; mit dem plural vgl. vássamlig verk 8c, úlfs leifar 12b). – flagella] von diesem worte ist nur flag deutlich, das Bugge zu „flag[mona], eine weniger richtige form für phlegmone“, ergänzt; aber die handschrift hat ohne zweifel flagella, das die übersetzung von bardagi ist wie in den lateinischen übersetzungen auf den folgenden seite in der handschrift.

 

7.

 (hagall) er kaldakorn
ok krapadrifa
ok snáka sótt.

grando.  hildingr.

 

8.

 (nauð) er þýjar þrá
   ok þungr kostr
   ok vássamlig verk.

opera.  niflungr.

 

 

9.

 (íss) er árbörkr
   ok unnar þak
   ok feigra manna fár.

glacies.  jöfurr.

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  1. Hagel ist kaltes korn und schneegestöber und der schlangen krankheit (vernichtung).
  2. Not (‚knechtschaft’) ist kummer der magd und harter stand und mühselig arbeit.
  3. Eis ist flufsrinde und dach (decke) der woge und gefahr für die männer, deren todesstunde nahe ist.

 

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8a. þrá] hier am ehesten in der bedeutung „aegritudo animi, maeror, schwermut, trübsinn“ (Bj. Haldorson). – b. þungr kostr] 749, JO, þvera erfidi 461, unleserlich in 687. – Die lateinische übersetzung opera gibt nur das wort verk wieder.

9a. árbörkr] 461, 749, JO, unleserlich in 687. – b. unnar þak] 461, 749, JO b, unnar unleserlich, þak sehr undeutlich in 687, unnar þekja JO a. – c.  f. m. fár]  feigs fár JO a, feigs manns forad 461, feigs forad 749, JO b; vgl. alt er feigs forad Fáfnismál v. 11. Mit dieser umschreibung des eises vgl. Málsháttkvœdi v. 25: sjaldan hittisk feigs vök frorin.

 

10.

 (ár) er gumna góði

ok gott sumar
   ok algróinn akr.

annus.  allvaldr

 

11.

 (sól) er skýja skjöldr

ok skínandi röðull

ok ísa aldrtregi.

rota.  siklingr.

 

12.

 (Týr) er einhendr áss

ok úlfs leifar
   ok hofa hilmir.

mars.  tiggi.

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10. (Gutes) jahr ist der männer glück und guter sommer und vollreifer acker.

11. Sonne ist der wolken schild und scheinender strahlenglanz und der eismassen mörder (zerstörer).

12. Ty ist der einhändige as und des wolfes überbleibsel und der tempel könig.

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10b. gott s.]  749, JO a, gott sehr undeutlich, sumar unleserlich in 687, glatt s. JO b, die buchstaben von tt verlöscht in 461. – c. algróinn a.]  749, JO, ok vel flest þat er vill 461; 687 hat dala (undeutlich) dreyri, „nässe der thäler“ d. i. flüsse, also ár als nom. plur. von á ‚flufs, strom’ aufgefafst.

11a. skýja skjöldr mufs als umschreibung für die sonne „den runden himmelkörper“ bezeichnen, also dasselbe bild wie hvél ‚rad’ von der „sonnenscheibe“ gebraucht (749 und JO haben gerade anstatt der umschreibung ísa aldrtregi 11e hverfandi hvél), dem die lateinische übersetzung rota entspricht. Die umschreibung skýja skjöldr beruht eigentlich auf einer begriffsverwirrung und ist vielleicht durch mifsverständnis von Grímnismál v. 38 hervorgerufen.

12. In 687 sind die runen und  mit den zugehörigen erklärungen vertauscht. – b. úlfs leifar] „des wolfes (des Fenriswolfes) überbleibsel“, weil er nur Tys eine hand frafs, aber den rest übrig liefs; die umschreibung ist sehr gesucht, kommt aber auch in späteren rimur vor. – c. hofa h.] Diese umschreibung ist eigentlich fehlerhaft von Odin auf Ty übertragen.

 

13.

 (bjarkan) er laufgat lim
   ok lítit tré
   ok ungsamligr viðr.

abies.  buðlungr.

 

14.

 (maðr) er manns gaman
ok moldar auki
ok skipa skreytir.

homo,  mildingr.

 

 

15.

 (lögr) er vellanda vatn
ok víðr ketill        
ok glömmunga grund.

lacus.  lofdhungr.

 

 

16.

 (ýr) er bendr bogi
ok brotgjarnt járn
ok fífu fárbauti.

arcus.  ynglingr.

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13. Birkenreis ist ein laubreicher zweig und ein kleiner baum und ein jugendliches holz.

  1. Mann ist des mannes freude und des staubes vermehrung und der schiffe schmücker.
  2. Nässe ist hervorquellendes wasser und weiter (grofser) kessel und der fische land.
  3. ‚Yr’ ist gespannter bogen und sprödes eisen und des pfeiles riese.

 

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        13c. ungsamligr] soll wohl bedeuten „das wegen der grünen blätter ein jugendliches (frisches) aussehen hat“; Bugge schlägt vegsamligr „prächtig“ vor.

                14a. = Hávamál v. 47 b.

            15a. vellanda vatn] 687 (jedoch vatn unsicher); alle übrigen texte (461, 749, JO) haben vellandi vimr (d. i. vimur) „hervorquellende flut“, das dem „vom berge niederstürzenden wasserfall“ des runengedichtes (vimur = foss) entspricht und daher vielleicht das ursprüngliche ist. – b. víðr ketill] Ich nehme an, dafs hier auf die heifsen quellen auf  Island  mit ihren emporspringenden wassersäulen angespielt wird, deren name (hverr) ja gerade ursprünglich in der bedeutung „kessel“ vorkommt.

16. Auch die isländischen (sehr jungen) runeninschriften gebrauchen in der regel  als zeichen für y; in der ältesten dieser inschriften (der kirchthüre von Valþjófstaðr) scheint dagegen  die bedeutung o zu haben (årb. f. nord. oldk. 1882, s. 93 f.).AM 461 läfst diesen stab und seine umschreibungen ganz aus, die ja hier die beiden ganz verschiedenen bedeutungen „bogen“ und „schlechtes eisen“ bezug haben (vgl. die umschreibungen für ár in 687; siehe die bemerkung zu 10 c). – a. bendr bogi]  JO a, tvíbendr b. JO b (in 749 ist tuí über bendr geschrieben), unleserlich in 687. – b. brotgjarnt járn] óbrotgjarnt j. Kålund, indem er das etwas undeutliche zeichen in 687 vor brotgjarnt als o liest; aber ist das gewöhnliche abkürzungszeichen für ok (Bugges vorschlag brotgjarnt für óbrotgjarnt, das auch der reim stützt, wird hierdurch bestätigt). ýr in derselben bedeutung wie hier („sprödes eisen“)  findet sich auch in der zusammensetzung kaldýr Merlínus spá (vgl. kaldór „ferrum fragile“ Bj. Haldorson) und steht offenbar in verbindung mit úr „schlacken“, úrt járn (siehe das runengedicht v. 2). Statt brtog. járn hat 749 bardaga gangr („des kampfes riese“), JO b bardaga gagn („des kampfes geräth“). – c. fífu f.] JO b „des pfeiles riese“, umschreibung für „den bogen“, der den pfeil abschiefst, fenju fleygir („des pfeiles aussender“) 749; 687 hat einen leeren platz für diese umschreibung.

 

 

 

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            Die lateinischen übersetzungen der runennamen, welche die letzten 9 zeilen auf s. 3 in AM 687 einnehmen, lauten mit aufgelösten abkürzungen und mit gewöhnlicher isländischer orthographie folgendermaßen (das völlig unleserliche schließe ich in klammern ein) :

            Aurum gull, gull er fé, fé er rúnastafr. Ymber[1] skúr, skúr er úr, úr er rúnastafr. || Fantasma er skrimsl, skrimsl er þu(rs)[2] , þ(urs) er rúnastafr. Flumen straumr, straumr er óss, ||  óss er rúnastafr. Iter vegr, vegr[3] för, [för][4] (e)r reið, reið er rúnastafr. Wulnus[5] sár, sár  ||  er kaun, kaun er rúnastafr. (Niv)es er snjór,  snjór er hagl, hagall er rúnastafr. Flagella  || er bardagi, bardagi er nauð, nauð er rúnastafr. (Fr)ig(us)[6] er frost, frost er íss, íss er rúnastafr. || Estas er sumar, sumar er ár, ár er rúnastafr. Ignis er eldr, eldr er sól, sól er rúnastafr. || Jupiter er Þórr, Þórr er áss, áss er Týr, Týr er rúnastafr. Flos er blóm,  blóm er viðr, viðr  || er bjarkan, bjarkan er rúnastafr. Palus er gormr[7],  gormr er sjór, sjór er lögr, || lögr er rúnastafr. Arcus er bogi, bogi er ýr, ýr er rúnastafr.

 

            Vollständig  übereinstimmend sind also nur die Übersetzungen von fé, (úr,), reið und ýr; flagella, das in der reimerei kaun übersetzt, steht hier als Übersetzung von nauð (der gemeinschaftliche begriff ist baradagi); gleichfalls findet sich Jupiter an verschiedenen stellen, in der reimerei als Übersetzung von óss, aber hier als Übersetzung von Týr, wogegen óss durch flumen wiedergegeben wird, also die gewöhnliche jüngere bedeutung, die sich auch in dem runengedicht findet. Dies ist der wesentlichste und zugleich der interessanteste unterschied zwischen beiden reihen, wogegen keine veranlassung vorliegt, hier näher bei den übrigen abweichungen zu verweilen.

 

 



[1] Ymber (in der handschrift ybs undeutlich) d. i. imber (vgl. umbre in der runenreimerei v. 2)

[2] þurs oder þuss? Die zwei (drei) letzten buchstaben an beiden stellen völlig unleserlich.

[3] Die zwei ersten buchstaben undeutlich.

[4] Das zweite för ist in der handschrift weggelassen.

[5] wuln´ in der handschrift (doch n und das abkürzungszeichen für us undeutlich).

[6] Das ganze wort sehr undeutlich (die zwei ersten buchstaben und das abkürzungszeichen für us völlig unleserlich).

[7] Die zwei ersten buchstaben undeutlich